Wellenreiter oder Dürreopfer?

Kommt die Delle? Oder eine Krise?

Kommt ein Einbruch? Wann kommt er? Wir heftig? Wie lange? Hmmm… Der VDMA sagt sinngemäß, es wird nicht so brutal wie das letzte Mal – aber dafür dauert es länger. Es gibt andere, die führen gute Argumente dafür ins Feld, das es heftiger wird – und länger dauert. Wieder andere glauben, dass der Einbruch die nächsten zwei Jahre nicht kommt, denn es gibt auch viele gute Anzeichen.

Aus der Perspektive einer Organisation ist es fast egal, wann genau es geschieht. Denn eines ahnen wir alle: Die Tendenz zu globalen, heftigen Blasen hat zugenommen. Statt dass sich verschieden, regionale Zyklen so wie einst global gesehen gegenseitig ausgleichen, scheinen sie sich heute hochansteckend global auszubreiten und zu verstärken. Und selbst wenn die Konsumenten gleich viel kaufen: Es gibt klare Aufschaukel-Effekte, die zu großen Einbrüchen am Ursprungder Supply-Chain führen. Goldratt hat das 2010 schon analysiert. Siehe Video. 10 Minuten. Lohnt sich.

Wann? Wie heftig? Ist das wichtig?

Eines scheint also klar: Früher oder später müssen die meisten Firmen durch magere Zeiten. Ein komplexes System genau vorherzusagen ist müßig. Am Ende des Blogs habe ich meine Sicht und eine konkrete Einschätzung zu Beginn, Heftigkeit und Dauer der Krise aufgeschrieben. Ganz dünnes Eis… Aber das ist das Fazit daraus:

– Q3 Wirtschaft gerät in rote Zahlen, Kurzarbeit in der Presse
– Q4 2020 startet die öffentliche Panik, Banken geraten in Gefahr
– Dax rutscht um 50% bis 60%
– Erste Erholung Q2 2021
– Krise überwunden – stabiler Aufwärtstrend ab Q2 2022
– Auftrags-Eingänge sind über 12 bis 18 Monate auf -20 bis -50%

Selbst wenn ich mit der Detail-Prognose komplett falsch liege: Das grundlegende Muster kennen wir alle: Lange gemäßigterAufwärts-Trend. Ruckartig abwärts. Dann eine Weile in Schockstarre verharren. Dann langsam Optimismus. Und dann wieder von vorne.

Was kann man lernen und machen?

Firmen, die mit großen und langandauernden Schwankungen im Auftragseingang umgehen können, haben riesige Vorteile. Aber wie machen die Firmen das, die das besonders gut können? Was kann man von den Firmen lernen, die in der letzten Krise trotz enormer Einbrüche gut zurechtkamen? Was sind die relevanten Themen? Geht es denn zusammen, „Neues Management“ und „Krisen-Management“. Wir meinen ja. Vieles scheint trivial. Und doch beobachten wir, dass viele Firmen das Offensichtliche aus falscher Scham oder aus alter Gewohnheit nicht tun:

1. Finanzen: 
Es liegt auf der Hand: Kosten senken ist das Gebot der Stunde. Allerdings gibt es dort sehr verschiedene Herangehensweisen. Von „Gießkanne“ bis „diskutierte und vorbereitete Szenarien, Liquiditätssimulation und vorbereitete Handlungs-Optionen“. Gemeinsam mit dem Führungsteam.

2. Produktivität: 
Steigerung bei fallender Arbeitslast. 
Wenn die Auslastung sinkt, dann sinkt oft auch die Produktivität. Das verschärft die finanzielle Problematik. Durch eine kluge Kombination aus Grobplanung, Belastungs-Transparenz, Team-Verantwortung und Shop-Floor-Management lässt sich ein Einbruch verhindern. Diese Kombination hat sich in der Praxis bewährt.

3. Flexibilität:
Die meisten Firmen wachsen personell in guten Zeiten. Befristete Verträge, Leiharbeit und Kurzarbeit sind zwar verfügbare Mittel – und trotzdem problematisch. Es gibt Firmen, die sich auf ein Atmen-Volumen von 1:3 eingestellt haben. Also z.B. von EUR 50 Mio Jahresumsatz auf EUR 150 und wieder zurück – ohne Verlust. Mit Gewinn. Sie haben dafür andere Muster der Flexibilität erschlossen. Die radikale Trennung der Kernkompetenz von der zukaufbaren Arbeit. In schlechten Zeiten wird alles selbst gemacht. In guten Zeiten wird „das Einfache“ zugekauft. Das ist eine harte Nuss – aber wirksam.

4. Kultur:
Jede echte Krise zeigt auch das wahre Gesicht einer Organisation. Die Reflexe des Managements treten klar zu Tage. Wer es jetzt schafft, Zuversicht und Zusammenhalt zu organisieren, statt Angst und Egoismus, der geht mit mehr Engagement und besserenIdeen durch die Krise. Undenkbares wird möglich. Aber was kann das Management dafür konkret tun? Es hat sich gezeigt, dass Klarheit, Offenheit und‚ professionelle Hilflosigkeit‘ sowohl in der Krise als auch danach sehr viel mehr nützen als „Harter Hund und einsame Entscheidungen“.

5. Innovation:
Es ist eine Binsenweisheit, dass es gilt, die Zeit in der Krise zu nutzen, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Also Innovation… Gleichzeitig ist es für Technikerverführerisch, Zeit zu haben. Die zentrale Hürde: Wie kann Innovation so gedacht und gemacht werden, dass vom Markt her gedacht wird? Dass also schnell verprobt wird? Und dass schnell gelernt wird?
Die Problematik daran ist weniger das Wissen um Methodik: Denn Design-Thinking und ähnliche Ansätze kennt inzwischen jeder. Die Frage ist eher: 
Wie schaffen wir es, solche Ansätze auf wirklich nützliche Art und Weise 
in unsere Organisation zu bringen? Entwickler zu Kunden schicken und Produkte im Einsatz beobachten. Kunden beim Lösen von Problemen beobachten. Ideen und Kaufillusionen entwickeln. Kunden mit Kaufillusionen konfrontieren und Kaufbereitschaft testen.

Eine Selbsteinschätzung mit kritischen Fragen zu den 5 Themen finden sich in diesem Dokument. Den Mitschnitt eines Webinars (ca. 1,5 Stunden), welches die 5 Themen in der Tiefe erläutert findet sich hier.

Experiment

Mini-Workshop mit dem Management-Team Dauer 3h.
1. Mit dem Management-Team gemeinsam Webinar-Video ansehen.
2. Auf Basis des Dokumentes einen Selbsteinschätzungdurchführen. Jeder für sich. Alleine.
3. Jeder nennt reihum seine Einschätzung und seine Gründe.
4. Diskussion & Reflektion
5. Falls die Gruppe neue Einsichten hat und Ideen für Maßnahmen: Machen.

ANHANG

Wann wird es heftig? Und wie lange wird es dauern?

Meine persönliche Einschätzung für ‚öffentliche Panik“ ist Q3 2020. Denn spätestens ab Q2 2020 schlägt bei vielen Firmen der seit vielen Monaten sichtbare, teilweise heftige Rückgang des Auftragseingangs (VDMA: im Mittel bei. ca -15%, je nach Branche und Firma sehr stark streuend) als Umsatz-Rückgang und damit als Verlust in der monatlichen G&V ein. Dann erst kommt viel mehr Kurzarbeit. Dann massenhaft Schlagzeilen und Horrorzahlen in Q3 in den Medien.

Parallel dazu gibt es folgende Entwicklung: Finanzleute beobachten und prognostizieren, dass im Q4 2020 einige Banken wegen der schwindenden Bankengewinne (wegen der seit Jarhen anhaltenden Niedrigzinsen), der damit sinkenden Eigenkapitalquote der Banken und der in Folge sinkenden Kreditsumme, die zur Vergabe bereitsteht, Firmen-Kredite nicht mehr verlängern können. Das wiederum in Kombination mit dem Rückgang der Ertragslage wird Zombi-Firmen sofort das Genick brechen. Zombi-Firmen sind solche, die eigentlich schon pleite wären, wenn es derzeit nicht derart billige Kredite gäbe. Sie machen einfach mehr Schulden um zu überleben. Das klappt. Aber nur bis die Zinsen steigen oder bis Kredite nicht mehr verlängert werden. Schätzungen gehen von ca. 15% aller Firmen aus, die zombifiziert sind. Wenn sehr viele Zombi-Firmen kippen – und auch ein paar andere – dann fallen bei den Banken Kredite aus. Und das schwächt die Fähigkeit, Kredite zu vergeben, noch mehr. Ansteckung. Ausbreitung. Systemisches Aufschaukeln. Trotz USA-China-Deal und Brexit-Einigung.

Also nochmal: Ich schätze das Q4 2020 in der Rückschau 2022 als Start der Krise bezeichnet wird. Denn wenn das Finanzsystem in der politischen, medialen und öffentlichen Wahrnehmung in Gefahr gerät, dann gibt es Schlagzeilen und echte Panik. Ähnliche Mechanismen werden auch in anderen Volkswirtschaften ablaufen. Die globalen Lieferketten und Finanzverflechtungen werden ansteckend wirken. Die Panik wird – ganz ähnlich wie bei vielen, vielen Einbrüchen zuvor, die weltweiten Aktien-Indizes ungefähr halbieren.

Ob meine zeitliche Einschätzung stimmt oder nicht? Ob die Mechanismen wirklich verantwortlich sind? Egal: Früher oder später wird es geschehen.

Allerdings gibt es einen sehr validen Grund für gesunden Optimismus: Schon bei der letzten Krise wurde von einer L-Konjunktur gesprochen. Manche Journalisten schrieben, es sei jetzt endgültig vorbei. Die Wirtschaft würde kollabieren und sich nie wieder erholen. Solange das Bankensystem nicht kollabiert, das Vertrauen in Geld bestehen bleibt und es keine Hyperinflation gibt, gibt es keinen Grund sich Sorgen zu machen. Denn: Die Menschen und Firmen rund um den Globus werden nach der gemeinsamen Panikreaktion ungefähr so viele Güter benötigen wie zuvor. Und das heißt: Die Wirtschaft wird sich in eins bis zwei Jahren erholen. Diese Dürrephase gilt es zu überleben. Es gibt allerdings einen gewaltigen Unterschied zu damals: Der riesige Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft der letzten 10 Jahre, also China, steht für die kommenden 10 Jahre nicht zur Verfügung. Die Automobilbranche steht vor Umbrüchen. Die Erholung wird diesmal also weniger rasant geschehen.

Fazit:

– Q3 Wirtschaft gerät in rote Zahlen, Kurzarbeit in der Presse

-Q4 2020 startet die öffentliche Panik, Banken geraten in Gefahr

– Dax rutscht um 50% bis 60%

– Erste Erholung Q2 2021

– Krise überwunden – stabiler Aufwärtstrend ab Q2 2022

– Auftrags-Eingänge sind über 12 bis 18 Monate auf -20 bis -50%

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