Meine persönliche „LEAN – Reise“

von David Weber

Von Brillen, Denkmodellen und Lean Management.

Tragen Sie eine Brille? Nein, nicht so eine, die man beim Optiker bekommt. Ich spreche von einer Perspektiven-Brille. Von Denkmodellen, die das Erkennen von bisher unbekannten Zusammenhängen ermöglichen. Ein Problem an Brillen ist, dass man gelegentlich meint, die eigene wäre die geilste überhaupt. Deswegen hier gleich ein wichtiger Hinweis: Ich erhebe nicht den Anspruch hier Wahrheit zu verkünden. Ich biete lediglich eine Brille an, zum Probetragen.

Wunderschöne rosarote Brillen.

Apropos Brillen: Zum Ende meines Studiums, als ich das erste Mal so richtig mit Lean in Kontakt kam, da hatte ich auch eine Brille auf. Eine rosarote Brille, und ja, ich dachte es wäre die einzig wahre. Schließlich war ich frisch verliebt. Ich kannte nur vier Buchstaben L—E—A—N. Wie wunderschön… mit LEAN würde die Welt eine bessere werden.

Die erste Ernüchterung.

Aber wie bei jeder neuen Liebe kommt die Zeit der Ernüchterung. Der Zeitpunkt, wenn die Realität mit voller Härte zuschlägt. Irgendetwas stimmte nicht mit LEAN. Es war seltsam. Im Kämmerlein, in der Theorie, war alles perfekt. Es hätte besser nicht sein können. Aber draußen in der Realität gab es viele Vorbehalte. Trotz der enormen Schönheit meiner neuen Liebe erlebte ich immer wieder, dass sich Menschen angeekelt abwendeten. „Wieder so eine Sau, die durchs Dorf getrieben wird…“, hörte ich. Was denn für eine Sau? Ich wollte dem auf den Grund gehen. Wie konnten sie nicht sehen was ich sah?

Die anderen Menschen sind zu blöd.

Für eine kurze, im Nachgang betrachtet, unrühmliche Zeit dachte ich: Die anderen sind einfach zu blöd. Sie sind blind für die Schönheit und man müsse die Erkenntnis notfalls erzwingen. Vorgesetzte: Zwingt die ungläubigen Schönheitsverächter. 

Zum Glück kam mir relativ schnell, dass es so einfach wohl nicht sein könnte. Aber was war es dann? Zumindest die rosarote Brille hatte ich zwischenzeitlich abgelegt.

Die Vorgesetzten und Lean Manager sind doof.

Der nächste Denkansatz war, dass die Vorgesetzten und Lean Manager es einfach falsch machten. Die Vorgesetzten unterstützten zu wenig und setzten Beschlüsse nur halbherzig um. Die Lean Manager wiederum arbeiten zu viel von oben herab, zu wenig mit den Kollegen auf dem Shopfloor und zu theoretisch. Lean nach dem Lehrbuch funktioniert einfach nicht.

Nicht nach Lehrbuch und mit den Menschen

Das Lean nach dem Lehrbuch nicht funktioniert, dass war mittlerweile klar. Aber wie dann? Wenn man die Menschen, die man mit Lean beglücken wollte, nur vom Nutzen überzeugen könnte… dann müsste es doch klappen. Es muss also ein echter Nutzen für die Beglückten her, nur dann kann es funktionieren… und siehe da, tatsächlich… der echte Nutzen bewegt zur Unterstützung und zum Engagement. Geht doch! 

Die Unterscheidung in Lean Philosophie und Lean Werkzeuge

Es gab da aber etwas, was ich nicht so recht benennen konnte. Ich umschrieb es als den Unterschied zwischen der Lean Philosophie und dem Lean Werkzeugkasten (5S, Kanban usw.). Mittlerweile kann ich deutlich besser erklären, was ich da gespürt habe, aber die Hierarchie-Management-wir-müssen-die-Leute-ins-Boot-holen und wenn-doch-nur-jeder-das-tun-würde-was-er-soll – Brillen machten es mir unmöglich zu erkennen, was mich störte. Es war ein diffuses Bild. Es löste einen Brechreiz in mir aus. Aber leider sah ich nur verschwommene Bilder – falsche Brille wie mir die „Optiker“ meines Vertrauens verrieten. (Danke dafür, meine geliebte V&S-Familie!)

Die Ernüchterung im Angesicht des Top-Managements

Obwohl ich weiterhin nur verschwommene Bilder sah – Philosophie und Werkzeugkasten Zeugs – war ich einigermaßen zufrieden. Echte Erfolge stellten sich ein und die konnten sich sehen lassen. Nun musste ich nur weiterarbeiten. Einfach alle Abteilungen einmal durcharbeiten, hier und da nochmal unterstützen… Puh… viel Arbeit, aber dann wäre sicher alles gut. Klar, hier und da gäbe es mal eine Änderung. Aber sonst… LEAN…geil…wunderschön. 

Doch dann gab es Entscheidungen „von oben“ und mit einem Schlag war teils monatelange Arbeit zerstört. So eine Scheiße, dieses verdammte Top-Management, treffen Entscheidungen ohne die Konsequenzen zu kennen oder sich dafür zu interessieren…

Die Veränderung macht alles kaputt!

Obwohl ich den Schuldigen nun gefunden hatte, passierte es immer wieder, dass durch äußere Veränderungen neue Lösungen nötig wurden. Die neuen Lösungen wurden aber nicht eigenständig entwickelt und umgesetzt, sondern das alte System zerfiel im Angesicht der neuen Herausforderungen in der Nutzlosigkeit. Die innere Dynamik des Systems konnte mit der äußeren nicht mithalten. Unsere Verbesserungen kamen immer erst ins Spiel wenn es schon kacke war. Warum wurden die Lösungen denn nicht selbstständig gefunden und adaptiert sobald dies notwendig wurde? Sind also doch die Menschen zu doof? War ich wieder am Anfang?

Die falsche Brille

Meine Brille – mein Denkmodell – war nicht die richtige um das Problem erkennen zu können. Modelle sind ja eh grundsätzlich falsch. Kein noch so ausgeklügeltes Modell entspricht der Wirklichkeit, sonst wäre es ja kein Modell. Die wichtige Frage ist deshalb: Hilft mir das Modell die Wirklichkeit in einem bestimmten Aspekt besser zu verstehen? Falls ja, dann taugt das Modell, es ist nützlich.

Der Kontext

Eine Firma ist ein soziales System. In sozialen Systemen gibt es Normen. Es gibt Verhaltensweisen, die akzeptiert und andere, welche nicht akzeptiert sind. Um Teil eines sozialen Systems bleiben zu können, muss man sich zu einem gewissen Ausmaß den Normen unterwerfen. Andernfalls springt das Immunsystem des Systems an. 

Nein? Dann empfehle ich ein Experiment: Meeting und Sauna, beides nichts außergewöhnliches. Jetzt einfach nur die Normen bzw. die Verhaltensweisen vertauschen. Ja! – nackt ins Meeting und mit dem Anzug in die Sauna. Und schon springt das Immunsystem des sozialen Systems an: Sie können doch nicht..!

Die meisten Menschen wollen sich entsprechend der sozialen Normen verhalten – um negativen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen. Wenn sich Menschen dann auf eine gewissen Weise verhalten, dann meist weil der Kontext es Ihnen nahe legt.

Oder ganz platt: Wer Zäune um Menschen baut, der erhält Schafe und um ein vorbildliches Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allen Dingen eins sein: Ein Schaf!

Und was hat das jetzt mit Lean zu tun?

Steht man nun vor der Herausforderung die Firma verändern zu müssen, weil äußere Umstände dies notwendig machen, dann gilt folgendes:

Egal welche Appelle man ausspricht, egal welche „Initiativen“ man startet, egal ob der Lean Manager super oder scheiße ist, egal welchen „Change“ man einleitet, egal wie viele Schulungen man macht, egal ob man die Menschen „mitnimmt“, egal ob man es anweist oder einfordert und egal was man sonst noch tut: Eine tatsächliche Änderung kann sich nur einstellen wenn man das zugrundeliegende System verändert. Die Praktiken müssen sich verändern, dann gibt man der Kultur die Möglichkeit sich auch zu ändern. Wenn nicht – also wenn appelliert und angewiesen wird – erhält man Heuchelei. Die Menschen spielen das Geforderte. Sie spielen Lean-Theater, weil es die einzige Möglichkeit ist beidem gerecht zu werden, der Forderung nach Lean und dem Kontext der die wahren Verhaltensweisen im Unternehmen steuert. 

Ob eine Veränderung taugt, wird übrigens das Verhalten im neuen Kontext zeigen. Auch wenn es eine Weile dauern kann, bis die alten Verhaltensweisen abgelegt werden. Wichtig ist dabei: Kultur lässt sich nur beobachten und nicht kausal beeinflussen. Wenn man das versucht, ist Scheitern vorprogrammiert.

Gedankenexperiment: 

Welche Situationen kenne ich, in denen ich Theater spielen muss? Wie läuft das in Projekt-Reporting-Runden? Wie ist es mit Audits? Mit Budgetrunden? Mitarbeiterjahresgespräche? Und wie lief bzw. läuft das eigentlich bei der Einführung von Lean, Agil o.ä.?

Hier noch ein Link zu einem kurzen Video zum Thema Menschenbilder, Werte, Prinzipien und Praktiken von Benno Löffler: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:6508251585636757506