Verantwortung – greift zu, es ist genug für alle da

Wer kennt die nicht:
„Aber da ist doch die Verantwortung ganz klar geregelt!“
„Da muss man halt jetzt einfach mal Verantwortung übernehmen!“
„Da will ich zuerst die Verantwortung geklärt haben!“
„Das liegt ganz klar nicht in meinem Verantwortungsbereich!“
„Wir müssen uns einfach gegenseitig mehr zur Verantwortung ziehen!“

Bei einem unserer Kunden habe ich mit einer Vertriebsmannschaft zusammengearbeitet. Nun ging es um die Frage, wie man mit einer sich abzeichnenden potenziellen Marktentwicklung umgehen soll. Also konkret, ob das Team Zeit und Ressourcen in die Bearbeitung dieser möglichen Chance investieren soll. Auf meine Frage, was sie denn nun machen, kam wie aus der Pistole geschossen: „Das ist doch ganz klar, nicht unsere Verantwortung“.
Zuerst habe ich mit den üblichen Parolen geantwortet: „Da müsst Ihr Verantwortung übernehmen. Geht in die Führung wenn Ihr an die Chance glaubt…bla bla bla…“. Aber so richtig hilfreich war mein Beitrag nicht. Viel schlimmer noch, es passierte einfach nichts. Das Unternehmen hat am Ende eine mögliche Chance vergeben bzw. keine bewusste Entscheidung getroffen. Nicht weil Ideen fehlten. Nicht aus fehlender Motivation. Nicht wegen fehlenden Mitteln. Schlichtweg weil anscheinend eine gegenseitige Verantwortungsübernahme – Erwartung existierte. Ich hatte allerdings auch nicht das Gefühl, dass die Gruppe die Verantwortung nicht gerne übernommen hätte.

Von außen betrachtet ist es fast unglaublich. Die Manager wollten, dass das Team Verantwortung übernimmt. Das Team hatte eine klare Meinung und Ideen was nun zu tun wäre. Aber: „ES IST NICHTS PASSIERT!“

Diese Situation hat mich nicht mehr losgelassen. Warum wurde keine Verantwortung übernommen?

Meine Überlegungen in 3 Stufen:

Denkstufe 1 – Was ist Verantwortung?

„Verantwortung“ ein Wort das wir ständig verwenden und etwas was wir ständig von unseren Mitmenschen fordern. Ich habe dann ein Experiment gemacht und versucht eine griffige Definition aufzuschreiben. Ergebnis – Es ist mir nicht gelungen! Mein erster Entwurf war unpräzise, lang und wahrscheinlich schlicht falsch.
Auch die Literatur und Gespräche mit Kollegen, Freunden und die Suche im Netz haben mich nicht zufrieden gestellt. Vieles davon war mir entweder zu abstrakt oder, ähnlich meiner eigenen Definition, zu unpräzise.
Nach einigen Versuchen und Reflektion mit Benno Löffler kam folgendes heraus:

„Verantwortlich ist die Person oder Gruppe, welche sich bei Handeln oder Untätigkeit kritisieren lassen muss.“

Diese Definition beschreibt zwar nicht was Verantwortung ist, aber aus unserer Sicht was Verantwortung bewirkt. Also eine Art Auswirkung wenn man sich Verantwortung „eingefangen“ hat. Mir persönlich gefällt der Satz deshalb so gut, weil er 2 Hauptmerkmale herausstellt:

1. Handeln und Untätigkeit – also auch wenn nichts unternommen wird stehe ich in der Verantwortung
2. Das Feedback – ich spüre also die Auswirkung und bekomme Feedback in Form von Kritik (gerne auch positive Rückmeldung)

Denkstufe 2 – Wie bekommt man Verantwortung?

Ich verwende hier gerne die Metapher des Geschenks. Eine Organisation bekommt viele Geschenke, ständig. Ein Kundenauftrag, ein Maschinenausfall, das neue Produkt des Wettbewerbers und so weiter. Man könnte diese auch „Ereignisse, die das Unternehmen nicht schadlos ignorieren kann“ nennen. Oder noch kürzer Probleme oder Herausforderungen.

Das Geschenk landet nun also beim Unternehmen und wird in Empfang genommen. Wie das so mit Geschenken ist, freut man sich.

Eine Kollegin (nennen wir sie Caroline) wollte schon immer Verantwortung haben. Freut sich und greift zu. z.B. durch die Formulierung eines konkretes Vorschlags zur Lösung des Problems und die Absichtserklärung der Durchführung. Zu diesem Zeitpunkt hat Caroline die Verantwortung übernommen, sie hält das Geschenk in den Händen. Für alle sichtbar (hoffentlich).

Denkstufe 3 – Wie behält man Verantwortung?

Dazu möchte ich eine V&S-interne Geschichte erzählen. Bei einem unserer Team-Meeting, sprach ich mich für die Neuauflage unserer Homepage aus.
Ich hatte auch direkt Vorschläge im Gepäck was man aus meiner Sicht anders machen sollte. Gerne wollte ich mich um dieses Thema kümmern.

Einige Monate später, beim nächsten Teammeeting, wurde ich angesprochen wie denn nun der Stand bei der Neuauflage der Homepage sei.
Ich erklärte, dass ich kundenprojektbedingt nicht dazu gekommen bin. Nun raten Sie mal was die Reaktion war?

Richtig, Kritik!

Zuerst hat mich die das geärgert. Denn aus meiner Sicht, war meine Auslastung in der Zeit extrem hoch und ich hatte entschieden, dass die Kundenprojekte ganz klar vorgehen würden.

Aber nach genauerem überlegen und reflektieren, habe ich verstanden was gerade passiert. Es ging natürlich nicht um den Vorwurf der Faulheit. Es ging um die Tatsache, dass ich mir das Geschenk geschnappt hatte, meine Kolleginnen und Kollegen sich auf mich und die Erledigung der Aufgabe verlassen hatten. Nun wäre es richtig und wichtig gewesen anzuzeigen, dass ich (alleine) es nicht wie besprochen oder erhofft schaffen werde.

Der springende Punkt für mich ist, denjenigen mit dem Verantwortungsgeschenk die Auswirkung bei Handeln oder eben Untätigkeit spüren zu lassen.
Dann und nur dann bleibt die Verantwortung bei der jeweiligen Person.

Das Experiment:
Macht Verantwortung transparent. Die nächsten vier Wochen zeigt ihr öffentlich (an einem Entscheidungsboard o.ä.) wer sich welches Geschenk genommen hat. Nun reflektiert Ihr gemeinsam, was nötig ist, um die Geschenke auszupacken und zu erledigen.
Sollten sich Geschenke genommen werden, ohne diese auszupacken – gibt es wertschätzendes aber klares Feedback.

Winterschool – Ein Erlebnisbericht

Von Carolin Diekmann

Gerade bei V&S angefangen und direkt ab zur WinterSchool Neuer Maschinenbau 2019, was für eine intensive Einarbeitungsphase! Für mich als „Die Neue“ im Beraterkreis von V&S war das jährliche Event gleich aus mehrfacher Sicht ein Highlight zum Auftakt des Jahres. So hatte ich die Gelegenheit viele spannende Menschen aus der Industrie kennenzulernen und gleichzeitig einen Überblick über Schwerpunktthemen von V&S zu bekommen. Und jetzt, nachdem ich ein paar Tage Zeit hatte, um all die spannenden Themen und Informationen zu verarbeiten, darf ich meine Eindrücke mit euch teilen. Was hat mich besonders beeindruckt, was ist mir in Erinnerung geblieben? Alles! Okay, das ist vielleicht etwas übertrieben, so gut ist mein Gedächtnis leider nicht, aber eins ist sicher, die Mischung aus Inhalten und Atmosphäre machen die WinterSchool zu einem besonders einprägsamen und ganzheitlichen Erlebnis. Aber der Reihe nach. Dieses Jahr lockte die WinterSchool mit Themen rund um Agilität, Selbstorganisation und Innovation. Alles Schlagworte, an denen heutzutage kein Weg vorbeiführt. Aber warum? Einstieg in die Thematik lieferte ein Impulsvortrag zum Thema Überraschungen. Wie beeinflussen unerwartete Ereignisse unser tägliches Arbeiten, unsere persönliche Entwicklung und die Planbarkeit von Unternehmen? Was bedeutet noch Planbarkeit, wenn sich unser Arbeitsumfeld ständig und sprunghaft ändert? Agile Unternehmen scheinen mit Volatilität besser umgehen zu können, aber woran liegt das? Die vielfältigen Gründe und die Wege damit umzugehen wurden an drei Tagen ausführlich bearbeitet.

Wer sich im Vorfeld noch nicht intensiv mit diesen Themen befasst hatte, wurde durch einige theoretische Beiträge über die Charakteristika von Teams auf Höchstleistungsniveau (Studie bei Google von Amy Edmondson Google Studie Link), die Entwicklung von Lean zu Agile und die Grundlagen des CCPM abgeholt.
In Planspielen zu SCRUM und ConWIP erlebten wir am eigenen Leib, wie sich Druck durch Aufträge, wachsende Bestände und Zeitdruck anfühlt und welche Möglichkeiten es gibt, diese Belastung auf die Arbeitsabläufe zu verringern. Den Transfer von spielerischer Theorie zu gelebter Praxis schafften die mitreißenden Beiträge der Referenten von Bosch Packaging, Knoll Maschinenbau GmbH, Gebr. Heller Maschinenfabrik GmbH und Trumpf GmbH (an dieser Stelle ganz herzlichen Dank an Eberhard Weiss, Jürgen Waldmann, Christian Spohn, Reiner Köttgen, Alfred Tenner und Dr. Peter Herrmann).

SCRUM-Planspiel oder ”Wie man erwachsene Menschen dazu bekommt mit Feuereifer Luftballons aufzupusten und Kartenhäuser zu bauen”
Und wie gehen wir weiter, wenn wir Bestehendes optimiert haben? Klar, neue Produkte müssen her, am besten komplett vernetzt, um dem allgemeinen Drang der Digitalisierung standzuhalten. Marius Jeskulke und Jonas Gottschalk von grandcentrix zeigten uns, dass die alte Ausrede „das Konzept ist gut, aber um das zu Programmieren braucht es Jahre“ wohl nicht mehr greift. Leider sehe ich mich nicht in der Lage die Details wiederzugeben, aber die Quintessenz war: Denkt euch ein spannendes Produkt aus, überlegt euch, was es alles können soll und für den Rest gibt’s eine Lösung! Zumindest für die Kollegen von grandcentrix!

Eine weitere Möglichkeit zur Produktentwicklung wurde durch die Vorstellung des digitalen Zwillings durch Marlene Eisenträger und Sebastian Möser vom IFF Magdeburg aufgezeigt. Entwicklungsarbeit kann so sehr viel schneller greifbar gemacht werden, ein absolut spannendes Konzept!
Wie eine geeignete Organisationsform für diese Arbeitsweisen aussehen kann, zeigte uns Romina Pace von der allsafe GmbH. Als Person, die in einem selbstorganisierten Unternehmen großgeworden ist und die sich nie mit so unangenehmen Dingen wie Machtgefälle und Entscheidungsgewalt herumschlagen musste, konnte sie uns auf sehr eindringliche Art klarmachen, dass es diese Hierarchiemuster auch gar nicht benötigt. Agilität lebt von schnellen Entscheidungen, die in der Basis getroffen werden. Somit bieten selbstorganisierte Teams einen hervorragenden Nährboden für Methoden wie SCRUM. Und im Umkehrschluss bleiben Methoden ohne diese Grundlage auch lediglich Methoden. Ihre volle Wirkung entfalten sie erst mit dem richtigen Kontext, den nur die Organisation schaffen kann.

Zeit, um noch einmal in Sich zu gehen, über Gelerntes nachzudenken, sich in Kollegen oder Weggefährten einzudenken und -fühlen bot sich in der letzten Session zu Social Energy mit Ulf Brandes. Er lud uns ein unsere eigenen Denkmuster und die unserer Mitmenschen zu erforschen und zu verstehen und sich gelegentlich auch mal wieder auf unser Bauchgefühl zu verlassen. Empathie ist eben doch deutlich mehr als esoterischer Hokuspokus und ermöglicht uns ein wohlwollenderes Miteinander. Da dies absolut unerlässlich für die neuen Formen des Arbeitens sind, schloss dieser Part die arbeitsreichen Tage auf äußerst stimmige Art und ließ mich und vielleicht auch noch den ein oder anderen nachdenklich und gleichzeitig sehr zufrieden zurück.
Wenn ich das alles aufschreibe, wird mir erneut bewusst, wie viel ich in diesen drei Tagen gelernt habe. Von den spannenden Gesprächen abseits der Agenda will ich gar nicht erst anfangen! Eins ist sicher, das schreit nach Wiederholung!

Experiment
Ganz klar: Mitmachen! Noch steht das Programm für die WSNM 2020 nicht fest, aber wer sich mit agiler Transformation und allem was damit zusammenhängt, beschäftigen und austauschen möchte, ist herzlich eingeladen! Anmeldungen gehen direkt an Nicole Tietz (tietz@v-und-s.de).